Moria

Moria heißt der Ort, an dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte.

Moria ist der Ort an dem Europa seine Menschlichkeit und Moral geopfert hat, für Kapitalismus, Selbstherrlichkeit, Besitz und um die Angst erträglicher zu machen. Weit weg geschoben von unserem täglichen Leben. Weit genug weg, um zu vergessen und zu verdrängen, was es heißt, mehr als 18.000 Menschen im Stich zu lassen. WC-Anlagen ohne fließendes Wasser, Duschen und Essensversorgung mit Menschenschlangen, die bis zu 3 Stunden warten, um ihre Grundbedürfnisse decken zu können. Kleinkinder und Familien bei Temperaturen unter 0 Grad C, unter Planen und selbstgebauten Verschlägen, die tägliche Konfrontation mit Gewaltsituationen, Krankheiten, Müllbergen, Unfällen. Es sterben fast täglich Menschen im Camp. Die Menschen, die dieses Elend in Lesbos aushalten müssen, sind wohlgemerkt nur ein minimal kleiner Teil der Menschheit, die sich auf der Flucht befindet. Wir reden im Moment von ca. 70 Millionen Menschen, die ihr Zuhause verloren haben. Das entspricht ziemlich genau 10 % der Bevölkerung Europas.

Beim Verpacken der Güter in Vorarlberg mit einheimischen Kindern

Nächstenliebe, Gerechtigkeit: Wo haben wir das gelassen?

Wenn wir Menschenleben auf eine Schlussrechnung herunterbrechen, so wie wir es in der Volksschule als „Mengenlehre“ gelernt haben, und uns diese Menschenleben moralisch irgendwie was Wert wären, würde das für Österreich folgendes heißen: Sagen wir, weil es uns allen gut geht, nimmt Österreich 20 % der Flüchtlinge, die prozentuell auf Europa aufgeteilt werden müssten – das wären 168.000 Menschen.

Das wären für mein Dorf in Kramsach 9 Menschen, und es gäbe keinen Flüchtling mehr.

Klar, ganz so einfach ist das alles nicht. Es braucht Strukturen und Arbeitsplätze und die Möglichkeit, dass die Menschen auch arbeiten dürfen. Und klar, unter diesen Menschen sind, so wie bei uns auch, Menschen, die andere oder keine moralischen Grundwerte mitbringen.

Es ist nur die Frage, ob wir nicht alle mit unserer Scheinmoral “haftbar“ für den Tod von tausenden Menschen im Mittelmeer sind. Wir alle haben eine moralische Verantwortung dafür, indem wir unserer Regierung eine Stimme geben und zustimmen, wie die von uns gewählte Regierung mit Menschenleben umgeht.

Abgesehen davon, dass wir die Freiheit haben, aufzubrechen wohin wir wollen und ein Recht haben, unsere Regierung zu wählen, ist mir in den letzten 5 Tagen wieder sehr bewusst geworden: Es kommt im Leben einfach nur darauf an, wo man geboren wird.

Augenblicke einer fünftägigen Fahrt nach Moria / Lesbos

Der Grundgedanke

Es ist bald wieder Weihnachten, und wie jedes Jahr frage ich mich, was der ganze Konsum soll und wo das alles hinführen soll. Uns gehen uns die Bilder aus dem Flüchtlingslager Lesbos nicht aus dem Kopf. Wo ist der Sinn von Weihnachten hin, wenn es zur gleichen Zeit Menschen in Europa so schlecht geht? Ganz beilläufig sage ich, ich verzichte auf Weihnachten und fahre in ein Flüchtlingslager, ich fahre nach Lesbos. Sabine sagt, ich organisiere dir das in Vorarlberg. Gesagt, getan: Innerhalb von nur einer Woche spenden Menschen aus Vorarlberg und Tirol ca. 4000 kg Hilfsgüter, etwa Schlafsäcke, Decken, Zelte, Schuhe, Bekleidung, Nahrung. Wir bekommen ein Auto kostenlos von Markus Stöckl, wir bekommen einen Hänger kostenlos von Wolfgang Bartl. Wir haben unzählige Helfer, die Annahmestellen betreuen und die Sachen sortieren, und wir bekommen ca. € 5000.—Spendengelder für die Umsetzung der Logistik. Wir sind überwältigt. Was uns aber am meisten beindruckt, sind die Kinder bei uns zu Hause, die zu Weihnachten mehr Freude daran haben, aus ihren eigenen Sachen Geschenke für Familien in Not zu machen, als an den eigenen Weihnachtsgeschenken. Teilen macht Freude, und es ist schön zu sehen, dass es die Kleinsten unter uns schon wissen.

Beim Verpacken des Materials in Vorarlberg

Die Fahrt

Ich fahre am 31.12.2019 los. Ein Auto und ein Hänger vollgefüllt mit Dingen, von denen wir glauben,  die Menschen vor Ort können sie brauchen. Über einen lieben Freund, kriege ich einen Kontakt in Lesbos zum Verteilen der Güter. Es gibt eigentlich nur eine Route, die wir fahren können: Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Griechenland – alles EU-Staaten und somit eventuell keine Zollprobleme. 24 Stunden Autofahrt nonstop. Es ist Winter, und die Menschen auf Lesbos brauchen unsere Sachen sofort. Zollprobleme gibt es tatsächlich keine, nur eine Gewichtskontrolle an der bulgarischen Grenze. Wir haben 1800 kg zu viel aufgeladen. Es gibt nicht viel zu verhandeln. Der Zöllner schaut mich an und fragt, was können wir machen? Ich hebe die Schultern und sage, keine Ahnung, das alles ist nur für Menschen in Not. Die Jungs schauen sich an und fordern 10 Euro für die Kaffee-Kasse. Ich gebe ihnen 2 Euro. Sie sagen: „Du kommst eh bald wieder.“ Alle grinsen und ich fahre weiter. Auf dem Weg durch diese Länder wird mir bewusst, dass ich schon hier stehen bleiben und die Sachen verteilen könnte. Die Menschen in Bulgarien und Rumänien haben zum Teil wirklich nur das Nötigste, und es ist kalt. Die Fähre geht zum Glück. Es ist stürmisch. Zum ersten Mal seit 24 Stunden bin ich froh, dass ich extrem müde bin. Ich schlafe trotz Sturm wie bewusstlos auf dem Boot.

Auf der Fähre

Die Polizei auf Lesbos

Nach meiner Ankunft auf Lesbos um 20 Uhr stehe ich mit meinem Fahrzeug am Straßenrand und will gerade aussteigen, um gegenüber in der kleinen Bar etwas zu essen. Die Polizei steht vor meiner Autotür. Unfreundlich wollen sie meine Papiere sehen. Lagerraum öffnen!

Es wäre so einfach gewesen, doch wie immer, wenn Menschen in Uniform Macht ausüben, legt sich bei mir im Kopf ein Schalter um. Nicht dass ich aggressiv werde oder gar handgreiflich, nein, aber meistens sehr zum eigenen Nachteil provokant. Ich erkläre de Polizisten, dass sie mein Laderaum nichts angeht. Darauf folgt das volle Programm. Plötzlich sind 4 Polizisten da, zwei von ihnen schwer bewaffnet. Sie stellen fest, dass der Anhänger ein anderes Kennzeichen hat als das Zugfahrzeug. Sie stellen fest, dass ich nicht für beide Fahrzeuge eine grüne Versicherungskarte habe. Sie stellen fest, dass eine Kopie der Zulassung für den Hänger nicht reicht. Sie stellen fest, dass ich keine Fahrerlaubnis für die Fahrzeuge habe, die nicht mir gehören, und sie montieren an Ort und Stelle die Nummerntafeln ab – mit Gewalt, die Nummernbefestigung am Zugfahrzeug ist zerbrochen und somit nicht mehr brauchbar. Ich darf ihnen im „Konvoi mit Blaulicht und vollem Programm“ zur Polizeistation folgen. Ich werde belehrt und bekomme ein Strafmandat auf Griechisch, auf dem „500 Euro“ steht und den ich unterschreiben soll. Ich unterschreibe nicht. Mein Auto wird von der Polizei beschlagnahmt und ich darf auf dem Posten bleiben. Ich schlafe im Hinterhof der Polizei im Auto auf dem Fahrersitz, es ist kalt, und Essen gab es auch den ganzen Tag nicht. Aber ich befürchte, dass die Hilfsgüter verschwinden, wenn ich das Fahrzeug verlasse.

Am nächsten Tag warte ich, direkt am Eingang zum Knast sitzend, bis die zuständigen Beamten wieder da sind. Zwei der Uniformierten plagen sich damit ab, ihr Schloss zu ihrem Büro zu öffnen, irgendwie haben sie sich selber ausgesperrt. Dann geht die Luke zum Gefängniswärter auf. Sie bringen einen Häftling hinaus. Der öffnet ihre Bürotür mit einer Art von Kreditkarte. Alle sind happy, und der Sträfling wird zurück in seine Zelle gebracht. Das ist fast ein bisschen wie Kabarett.

Um 11.00 Uhr habe ich den Papierkram hinter mir, kriege meine Nummern und Papiere zurück, bezahle nichts und darf weiterfahren. Fadenscheinige Argumente um Geld zu kassieren, verfangen sich bei mir nicht. Ich denke aber, die viele andere Menschen hätten aus Angst vor der Polizei bezahlt. Das Geld verwende ich lieber für Nahrungsmittel im Camp.

Einladend sieht anders aus

Eric & Philippa Kempson – The Hope Project

Der Zielort unserer Lieferung ist der Platz, an dem die Sachen gemeinsam verteilt werden.

Das Hope-Projekt basiert auf den Grundsätzen von Würde, Mitgefühl und Sicherheit für alle.

Eric und Philippa möchten Menschen in Not helfen und unterstützen. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf Menschen, die vor Konflikten fliehen und die Ungerechtigkeit, Armut oder Verfolgung ausgesetzt sind.

Seit Anfang 2015 helfen sie Flüchtlingen auf Lesbos. Lesbos ist bekannt für Flüchtlinge, aber die Zunahme von Konflikten und die Schließung sicherer Landwege zwingen Flüchtlinge, sowohl in der Ägäis als auch im Mittelmeer auf dem Seeweg zu fliehen.

Diese Überfahrten sind gefährlich und viele schaffen es nicht bis zur „Sicherheit“ der Küste.

Für diejenigen, die es schaffen, wird schnell klar, dass die Not gerade erst beginnt. Einige der griechischen Inseln sind zu Gefängnissen für Flüchtlinge geworden. Hier auf Lesbos sind die Überbelegung und die Umstände die schrecklichsten. Die Menschen werden ihrer Würde beraubt und auf eine Weise behandelt, die in Europa nicht akzeptiert werden sollte.

Seit Dezember 2017 hat The Hope Project ein Distributionslager in der Nähe der Lager im Süden von Lesbos. Hier versorgen Freiwillige ungefähr 80 Familien pro Tag mit den Dingen, die sie benötigen, Hygiene, Windeln, Kleidung und vieles mehr.

Das neueste Projekt, an dem sie gerade gearbeitet haben, ist „The Hope Project Arts“.

Wenn es ihnen möglich ist, konzentrieren sie sich auf Projekte zur Förderung einer guten psychischen Gesundheit und zur Förderung der Interessen der Flüchtlinge, die hier auf Lesbos leben.

Dieses Projekt fokussiert auf die Förderung der künstlerischen Talente von Flüchtlingen durch darstellende Künste und andere kunstbasierte Programme.

Musik, Poesie, Theater und Tanz neben Malerei, Keramik, Fotografie und vieles mehr wird angeboten!!!

Die Begründer Eric und Philippa hatten dieses Projekt schon lange im Auge, aber da sie sich ständig einer Krisensituation gegenübersehen, und gleichzeitig arbeiten, ist das Projekt noch sehr klein.

Sie möchten bei diesem Projekt wie immer flexibel sein und das Gefühl geben, dass es in der Flüchtlingsgemeinschaft so viele Talente gibt, die von einem Raum und einer Ausrüstung profitieren, um ihre Talente zu üben und gleichzeitig ihr Wissen an andere weiterzugeben.

Ziel ihres Projekts ist es wie immer, die Flüchtlingsgemeinschaft zu stärken und zu befähigen.

Dieses Projekt wird sich auf die Erwachsenengemeinschaft konzentrieren, da wir der Meinung sind, dass sie in vielen Projekten übersehen werden.

Wir bezeichnen diese Menschen so schnell als Flüchtlinge, als hilflos, als Opfer.

Dies ist, zu was wir sie gemacht haben, nicht was sie definiert!

Das Hope Art Project Maler sieht die Dichter, Musiker, Fotografen, Bildhauer, Tänzer und vieles mehr in den Geflüchteten, und versucht diesen Menschen den Raum und die Ausrüstung zu geben, die sie benötigen, um ihre Talente zu fördern und diese Talente bei anderen zu fördern.

Gemeinsam mit den Flüchtlingen haben wir das Auto entladen. Die Sachen kommen in eine große Halle, in der sie sortiert und von Flüchtlingen an Flüchtlinge verteilt werden. Ich finde bei Eric und Philippa und deren Freunden für 2 Tage eine warme und herzliche Unterkunft. Es ist schön zu sehen, wie die Menschen ihre Kunst leben können und wie gut die Verteilung der Hilfsgüter funktioniert.

Die Güter beim Hope Project

Moria Camp – ein Dschungel-Platz, auf dem 18.000 Menschen ohne Perspektive festgehalten werden.

Die Zustände sind katastrophal. Ich habe so etwas vorher in Europa noch nie gesehen. Müllberge überall, Planen Zelte, Holzverschläge. Menschen, die versuchen, sich aus Nichts einen Unterschlupf zu bauen. Menschen unterschiedlichster Kulturen und Religionen und ethnische Gruppierungen auf engstem Raum. Das Camp ist ursprünglich für 2500 Menschen ausgelegt gewesen, nun leben hier 18.000. Um auf das WC zu gehen oder zu duschen, stehen die Menschen bis zu 3 Stunden an. Um Wasser oder Essen zu kriegen, stehen die Menschen zwei Mal am Tag 3 bis 5 Stunden an. Die WC-Anlagen und Duschen gehen über mit Fäkalien und Müll. Die Menschen haben keinen Strom und keine ordentlichen Behausungen. Bei 0 Grad und Schneefall schlafen sie unter Plastikplanen.

Es herrscht Unsicherheit, immer wieder kommt es zu Zwischenfällen. Während ich im Vorort bin, werden im Lager drei Menschen ermordet. Es passieren Unfälle. Eine Gasflasche explodiert und tötet eine Frau mit ihrem Baby. Menschen erfrieren oder sterben, weil es unzureichende ärztliche Versorgung gibt. Und täglich kommen neue Menschen an. Wenn sie die Überfahrt überleben, müssen sie bis zu zwei Tage zu Fuß ins Lager gehen, um sich registrieren zu lassen. Ohne Registrierung können sie weder ein Taxi benutzen noch im Bus mitfahren. Es ist wohl einer der wenigen Orte der Welt, wo sich Menschen „freiwillig“ einsperren lassen.

Flüchtlingsboote werden nachweislich und absichtlich von der türkischen Küstenwache versenkt. Das Schnellboot kreist so lange um ein Flüchtlingsboot bis es sinkt. Dann werden die Menschen „gerettet“. Es werden ihnen Schmuck und andere Wertsachen entwendet, und sie werden in Griechenland abgesetzt. Die türkische Polizei bringt Flüchtlinge in der Türkei auf die Boote, dabei werden die Flüchtlinge mit Waffen geschlagen.

Eine Überfahrt als Flüchtling kann man offiziell für ca. 200 Euro  im Reisebüro buchen. Wenn das Meer ruhig ist und es Tag ist, ist es teurer als in der Nacht und bei Sturm. Zum Vergleich: Eine Überfahrt für mich als Tourist kostet 10 Euro.

„Am schlimmsten Tag wurden 84 Leichen an den Strand gespült. Das ist nur eine von vielen haarsträubenden Tatsachen.“

STEPHAN KECK

Ich konnte 2 Tage im Camp verbringen, zum Filmen und Fotografieren. Ich wurde von den Menschen, die alles verloren haben, zum Essen und Tee trinken eingeladen. Es ist mir unverständlich, wie man in dieser menschenunwürdigen Situation die Motivation findet zu überleben. Ich wurde von einem Somalier angesprochen. Er hat mich gewarnt, dass ich mit meiner Kamera nicht mehr weitergehen sollte, weil ich massive Problem kriegen würde. Auf meine Frage, warum, sagte er: „Da vorne um die Ecke ist die Polizei. Du willst nicht wissen, was die mit dir machen, wenn sie dich hier mit der Kamera sehen.“

Überall Gestank und Lärm. In der Nacht stehen die Menschen im Freien am offenen Feuer, wärmen sich und kochen Tee. Das Brennholz wird aus der Umgebung gesammelt oder abgeholzt.

Kinder schreien in Zelten. Menschen zittern wegen des Frosts. Frauen müssen sich in ihren Zelten verstecken und das bisschen Besitz, das sie haben, bewachen.

Unsere Sachen sind angekommen. Es ist aber nur ein Notfallpaket für einige Wenige und im Allgemeinen keine Lösung. Die Menschen müssen weg von diesem Platz und ein neues Zuhause finden. Es ist nicht zumutbar, was sich hier abspielt, und alle Regierungen schauen weg, Die Türkei und Griechenland kriegen Unsummen von Geld um die Situation zu bewältigen. Wo ist das Geld? Was wird damit gemacht? Sie schieben die Flüchtlinge hin und her und verdienen an jedem einzelnen Elend. Auch große Ngo´s kriegen Unsummen von Geld. Das Rote Kreuz etwa hat zur Zeit nur einen offiziellen Mitarbeiter vor Ort. Was muss noch passieren, dass diesen Menschen geholfen wird?

Am Tag vor meiner Rückreise habe ich den Platz besucht, an dem die Schwimmwesten der gestrandeten Geflüchteten entsorgt werden.

Ich habe mich auf diesen Berg gestellt. Am Horizont sehe ich einen Baum, ein Symbol für Leben. Unter mir sehe ich das Symbol für Unmenschlichkeit: Tausende Schwimmwesten. Ich habe mich gefühlt als stünde ich auf den Seelen der Menschen.

Eine traurige Reise an einen Platz der Unmenschlichkeit – gesteuert durch unsere Politik.

Ich schäme mich für Europa.